Schätze bergen im Garten der Montessori-Schule


In einem Schulprojekt der besonderen Art haben Schüler verschiedener Klassenstufen der Montessori-Schule Inning die Möglichkeit, Archäologie hautnah zu erfahren und dazu professionelle archäologische Ausgrabungen zu erlernen.

Die drei Studentinnen Lena, Rosa und Maria sowie die Doktorandin Alexandra – alle vier von der Fakultät der klassischen Archäologie an der Universität München – kamen gemeinsam, um den Schulkindern verschiedener Klassenstufen der Montessori-Schule Inning bei einem ganz besonderen Projekt zur Seite zu stehen: Die Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren hatten sich für den Dienstag-Nachmittag eine AG unter der Leitung der Kunsthistorikerin, Kuratorin und Archäologin, Dr. Silvia Dobler, ausgesucht: den Kurs für Archäologie.

Archäologie für Kinder? Tatsächlich buchten 20 Kinder den Kurs, der mit dem Schuljahr 2018/2019 startete und den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zunächst Basiswissen vermittelte. „Wir haben mit dem Erlangener Institut für Gipsabguss-Sammlungen zusammengearbeitet und sehr viel Material erhalten, um professionell archäologisch arbeiten zu können, erläutert Dr. Silvia Dobler. Da lernten die jungen Schülerinnen und Schüler Gips- sowie Silikonabdrucke von Gemmen, Medaillons, Reliefs und ähnlichen archäologischen Funden zu machen. Auch antike Vasenmalerei und Mosaikkunst standen auf dem Programm des Archäologiekurses. „Die Kinder erfuhren, wie kompliziert es ist, eine Vase in antiker Art und Weise zu bemalen oder wie viel Konzentration es abverlangt, um Steinchen für Steinchen – in der Fachsprache Tessera genannt – zu einem Mosaik zusammenzufügen“, erklärt Silvia Dobler. Dennoch hatten die kleinen Archäologen sehr viel Spaß an dieser Arbeit, zumal die 20köpfige Gruppe von einem Restaurator des Museums für Gipsabgüsse klassischer Bildwerke in München mit eigens entwickelten, qualitativ hochwertigen Materialien versorgt wurde, die besonders schöne Formen, Schablonen und Abgüsse ermöglichten.

Aber wie viel faszinierender ist es, archäologische Schätze tatsächlich im Boden zu finden – wie im alten Ägypten, alten Athen, alten Rom? Und vor allem – wie in einer professionellen Ausgrabungsstätte? Dafür hatten Siliva Dobler und ihre Schüler alles vorbereitet: Im Garten der Montessori-Schule wurde ein Rasenstück abgesteckt und in sechs Quadranten eingeteilt. Ganz professionell wie bei einer Ausgrabungsstätte, beispielsweise in Tunesien, wurde das ausgewählte Rasenstück mit einem Pavillon überdacht und mit Folienstreifen in Rot-Weiß abgegrenzt. So war schon einmal klar – wie bei einer antiken Ausgrabungsstätte – hier können nur die Archäologen hinein.

Als es dann ans Ausgraben selbst ging, war absolute Akribie angesagt. Von Rosa wurden die Kinder mit den strengen Regeln klassischer Ausgrabungskultur vertraut gemacht. So lernten sie, mit ihren Kellen und Schäufelchen nur ganz behutsam Zentimeter für Zentimeter Erde abzutragen, um diese dann nicht irgendwo am Rand aufzuhäufen, sondern sorgsam in einen Eimer zu geben. Geduld sei gefragt, das betonte Rosa immer wieder. Erst recht, wenn die Kinder tatsächlich fündig wurden und beispielsweise eine Tonscherbe im Erdreich entdeckten. „Oberste Regel ist“, so erklärten die vier Studentinnen, „das Fundstück im Boden – im Fachjargon ‚in situ‘ – zu belassen.“ Würde nämlich jeder Archäologe sein Fundstück mitnehmen, entstünde ein ziemliches Chaos und keines der teilweise Jahrtausende alten Fundstücke von Amphoren, Schmuckstücken, Gürtelschnallen könnte jemals wieder zugeordnet werden.

So lernten die kleinen Archäologen schließlich auch das wichtige Fachgebiet der Dokumentation. „Dokumentation hat in der Archäologie einen zentralen Stellenwert“, betont die Kunsthistorikerin Dobler. Dafür arbeiten wir mit photographischen Aufzeichnungen, aber auch mit ganz klassischen Notizen, etwa mit einem gerahmten Aufzeichnungs-Brett mit Millimeter-Schraffierungen. Zuerst müssen die angehenden Archäologen hier den sogenannten Nordpfeil eintragen, der – wie der Name schon sagt, die Richtung Norden vorgibt. Dann werden die jeweiligen Quadranten mitsamt den Fundstücken in das gerahmte Diagramm eingetragen. So hat beispielsweise eine kleine Ausgrabungsgruppe im Quadranten V – in der klassischen Archäologie werden Nummerierungen mit römischen Ziffern durchgeführt – eine Tonscherbe gefunden, jene sorgsam mit Pinseln und kleinen Kellen freigelegt sowie in der Papieraufzeichnung dokumentiert. Eine andere Gruppe der 20 Schüler fand im Quadranten VI sogar ein Medaillon mit dem Haupte der Medusa, das längsgestellt im Boden vergraben war.

Die Aufregung war groß bei den jungen Ausgrabungsschülern – denn schon im ersten Ansatz so großartige Funde gemacht zu haben, erfüllte sie mit Freude und Stolz. Einer der Schüler jedoch fragte etwas kritisch nach: „Könnten die Schätze von irgendjemanden in den Boden gelegt worden sein?“ „Ich war’s nicht!“, rief Silvia Dobler sogleich. Und die vier Archäologinnen Lena, Rosa, Maria und Alexandra lächelten.

Die wunderbaren Schätze im Garten der Montessori-Schule Inning – das wird wohl immer ein bestgehütetes archäologisches Geheimnis bleiben.

 

Vielen Dank für Text & Fotos an Frau Dr. Heike Bueß-Kovacs!